Besitzen & loslassen

Das zeitige Frühjahr ist für mich die allerbeste Zeit, um Ordnung in mein Leben zu bringen. Jetzt sind die Tage noch überwiegend kalt, jetzt lockt die Sonne noch nicht ganz so sehr ins Freie. Und trotzdem liegt da die Ahnung in der Luft, dass etwas Neues kommt. Und wenn es soweit ist, soll in meinen Schränken und Regalen alles bereit sein, damit ich das Leben draußen genießen kann.

Also Ärmel hochkrempeln und los geht’s. Wer Kinder hat weiß, dass im normalen Familienalltag keine großen Aktionen drin sind. Wir haben gelernt, unsere Aufgaben in kleinen Schritten zu bewältigen, ohne frustriert zu sein. Abends, am Wochenende oder wenn der jeweils andere Elternteil mit dem Zwerg draußen ist.

Wenn’s ums Aufräumen geht, lasse ich die Listen sein. Ich weiß eh im Schlaf, was schon lange auf Erledigung wartet. Da ist der gut gefüllte Regalboden mit den Dinosauriern aus meiner Studienzeit. Beim Auseinandernehmen kommen ein paar ungute Erinnerungen hoch an die schrecklichen Vorlesungen in Mathematik und Recht, nicht gerade meine Steckenpferdchen. Aber auch viele schöne Gedanken. Und trotzdem: jahrelang habe ich diese Materialien weder gebraucht noch vermisst. Sie müssen jetzt gehen.

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Dann wartet noch ein weiteres Regal auf sein Schicksal: meine Kreativbücher. Ich bin Buchhändlerin von Beruf und habe jeden Tag die schönsten Novitäten auspacken dürfen. Und ich habe sie gesammelt, meine Bücher, jahrelang. Bis zu dem Tag, an dem ich mich fragte, warum ich das tue, ob mir wirklich jedes einzelne Buch am Herzen liegt. Die ehrliche Antwort war: nein. Es war nur die Lust am Sammeln und Besitzen an sich. Doch was ist ein Buch, das ich nicht wirklich mag und brauche, für mich wert? Belastet es mich nicht eher? Nachdem ich mit meiner Romansammlung fertig war, blieb im Bücherschrank ein einziger gefüllter Regalboden übrig. Romane, die mich sehr bewegt haben, bei denen ich auch noch nach Jahren weiß, wovon sie handeln, die ich gerne noch einmal lesen möchte. Und nun also die DIY-Titel. Viele davon in Englisch, viele wunderschön anzusehen, aber für meinen aktuellen Alltag unbrauchbar. Gekauft in Zeiten mit sehr starker Arbeitsbelastung, in der ich meine Sehnsucht nach Zeit für Kreativität kompensiert habe mit dem Besitz von Kreativbüchern. Verrückt, oder?

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Und schließlich noch die digitalen Fotordner, wahrscheinlich nicht nur für mich ein leidiges Thema. Hier macht mir das Ausmisten am wenigsten Spaß, weil es ein Fass ohne Boden ist und man kein physisches Ergebnis sehen kann. Aber es muss jetzt mal sein…

Wenn ich in Fahrt bin, steht an unserer Tür ein ramponierter Wäschekorb, in den ich alles werfe, was weg soll. Mein Liebster ist bei uns für die Müllentsorgung zuständig und muss die Papier- und Gerümpelberge verschwinden lassen. Bücher habe ich früher hauptsächlich auf Flohmärkten verkauft, momentan gehe ich aus Zeitmangel den Weg über Gebrauchtbuchplattformen. Eigentlich ist es schön zu sehen, dass viele Menschen ihre Konsumwünsche mit  Dingen aus zweiter Hand befriedigen, statt alles neu zu kaufen. Und ich bin froh, dass mein überflüssiger Besitz noch andere erfreut.

Der schwierigste Teil am Ausmisten ist, neuem Kram den Zugang zu verwehren. Besitz kontinuierlich zu überprüfen und Überflüssiges ziehen zu lassen. Für mich ist das ein andauernder Prozess. Und das Ziel: neben den Dingen, die man wirklich zum Leben braucht, nur wenig zu besitzen, das nur schön ist. Herzensdinge also.

Am See

Lange bin ich nicht dort gewesen, obwohl er so nahe ist. Am Nachmittag hing weißer Dunst über Weiden und Schilf. Enten haben wir gesehen, wunderschöne weiße Schwäne, Blesshühner und rote Libellen. Still war es, bis auf die Rufe der Vögel und leises Froschgequake. Da saßen wir am Ufer, drei Generationen, und hielten zufrieden die Nasen in die Sonne…

 

PS: Hallo Julia, schön, dass Du da bist!

Auf Regen…

Manchmal schaue ich auf eine Reihe vergangener Tage zurück und kann nur denken: Was war denn das? Leider zeigt sich der Sommer bei uns gerade nicht von der entspannten Seite, die Tage vergehen einer nach dem anderen angefüllt mit viel Hektik, Arbeit und Diskussionen um die Zukunft. Nach einem Notfall in der letzten Woche, der uns einen Schreck versetzt hat, war das Familienleben leicht aus den Fugen geraten und ist es immer noch.

Und dennoch scheint die Augustsonne warm vom hohen blauen Himmel, summen die Bienen um die üppig tragende Brombeerhecke und leuchten die Sonnenblumen um die Wette. Im Gärtchen wächst und gedeiht alles, ohne dass ich noch viel tun müsste, als zu ernten. Fast jeden Tag trage ich einen schweren Korb ins Haus und fülle bis spät am Abend den Sommer in Gläser. Für kommende trübe Tage…

PS: Herzlich Willkommen, Frau Pingaga und xlautgedachtx!

Weisheit kehrt ein in dein Herz

Der große Mensch hatte sich für den kleinen Menschen eine Taufe gewünscht. Ich habe zugestimmt, obwohl ich konfessionslos aufgewachsen bin, allein um all die lieben Menschen zu sehen, die diesen Tag mit uns teilen würden. Es war unser erstes eigenes Familienfest und die Organisations-Premiere für den großen Menschen und mich – nur leider war nicht alles so schön, wie ich es mir gewünscht und ausgemalt hatte. Beim Gruppenfoto fing es zu regnen an, das Restaurant war ein Reinfall und der ganze Tag hektisch und chaotisch. Den kleinen Menschen hat die ganze Aufregung kaum gestört, er hat fröhlich prustend und quietschend den Gottesdienst aufgemischt, sodass wir zeitweise kichernd und um Fassung bemüht auf unseren Stühlen saßen. Ach, Kinder…

 

Weisheit kehrt ein in Dein Herz,

Erkenntnis beglückt Deine Seele,

Besonnenheit wacht über Dir

und Klugheit behält Dich in Obhut.

Sprüche 2, 10-11

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Ein perfekter Tag

Frühlingssonne. Blauer Himmel. Blütenduft und Vogelgezwitscher. Die ganze Familie zum Essen am Tisch. Dem großen Bruder beim Bau eines Wildbienen- und Insektenquartiers zuschauen. Mit dem kleinen Menschen unterm Apfelbaum liegen und mit seinen Augen jedes Blatt und jede Blüte als großes Wunder betrachten. Schlafen, wenn einem danach ist. Nichts vorhaben, nichts erledigen müssen. Glücklich lächelnd  in den Himmel schauen…

 

Genieß‘ die Gegenwart mit frohem Sinn,

sorglos, was Dir die Zukunft bringen werde;

doch nimm auch bittern Kelch mit Lächeln hin –

vollkommen ist kein Glück auf dieser Erde.

Horaz