John & ich

John Irving zu lesen ist für mich, wie einen guten alten Freund zu treffen. Obwohl man sich länger nicht sieht, vielleicht ganz unterschiedliche Ansichten und Lebensstile hat, knüpft man bei der nächsten Begegnung doch nahtlos an früher an. Nimmt die Eigenheiten des anderen hin und freut sich über alles, was man gemeinsam hat. Mit Irving begann mein Leseleben jenseits der Kinder- und Jugendbücher, als ich ungefähr vierzehn Jahre alt war. Ich las „Das Hotel New Hampshire“, nachdem ich die Verfilmung mit Jodie Foster gesehen hatte – und danach fast jedes Buch von ihm. Und so musste ich auch nicht überlegen, als ich kürzlich „In einer Person“ in meiner Buchhandlung stehen sah, musste nicht hineinlesen, ob mir Stil und Story gefallen. Ich trug das Buch nach Hause und freute mich auf die alten Themen und die neue Geschichte.

Und da waren sie wieder: die Wälder der amerikanischen Ostküste, diesmal in Vermont. Da waren wieder die Ringer, die Familiengeschichten, die tragischen Helden mit skurrilen Schicksalen. Und Sex, natürlich, es ist ja ein Irving.

Im Zentrum steht Billy, der sein Leben von der frühen Jugendzeit über sein schwieriges Coming out als Bisexueller im prüden Amerika der 60er Jahre bis ins Alter hinein erzählt. Er ist umgeben von Menschen, die mehr oder weniger ihren Platz im Leben gefunden haben. Da ist Billys Mutter, die seine sexuelle Orientierung nicht erträgt, weil sein Vater sie für einen Mann verlassen hat. Da ist Grandpa Harry, der seinen Alltag als Mann verbringt, während er seinen Wunsch, eine Frau zu sein, auf der Bühne auslebt. Da ist Kittredge, Billys rücksichtsloser Mitschüler, gehasst und begehrt zugleich. Und Miss Frost, die Bibliothekarin, als Mann geboren, zu einer starken Frau geworden, die Billy in die Welt der schwulen Liebe führt und ihn zugleich lehrt, immer gut auf sich aufzupassen. Und das ist notwendig, denn in der Zeit, als Billy ein junger, freizügig lebender Erwachsener geworden ist, geht eine teuflische Krankheit um: AIDS. Im Detail beschreibt Irving, wie in den Großstädten der USA die Schwulen sterben wie die Fliegen. Ich hatte mich zuvor noch nie intensiv mit dem Thema AIDS beschäftigt, und es hat mich sehr bewegt, wie langsam und qualvoll der Tod an die infizierten Menschen herantritt, wie hilflos ihre Familien und Freunde zusehen müssen.

Obwohl Irving wieder mit schillernden Figuren aufwartet, blieb sein Ich-Erzähler Billy für mich seltsam blass und gesichtslos. Auch die vielen Wiederholungen, die mich in den vorangegangenen Romanen schon gestört haben, haben den Lesefluss etwas beeinträchtigt. Und doch schloss ich nach dem letzten Satz zufrieden das Buch, mit dem wohligen Gefühl ein paar angenehme Stunden in Gesellschaft eines alten Freundes verbracht zu haben.

Bis zum nächsten Mal, John!

 

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